Montag, 20. Mai 2013

1. Vegane Ultramarathonstaffel B12

Um dieses unvergessliche Ereignis aus meiner Sicht so komplett wie möglich festzuhalten, habe ich mich entschlossen, über die gesamte Zeit in München zu berichten.


16.05.2013

Zusammen mit meinem Cousin Christopher geht's von Hamburg aus nach München. Mittags müssen wir umsteigen. Ich nutze die Gelegenheit und präsentiere, was Christopher schon vorher gerochen hat: Durian to go. Es mundet und die Fahrt geht weiter. München ist groß, aber wir sind informiert. Schnell finden wir die von privat gemietete Wohnung. Eine vorhanden Küche war für uns Pflicht, da wir mit dem Vitamix von Chris aus jedem Hotel fliegen. Aber keine Zeit für Smoothies, wir müssen weiter. Ins Max Pett. Gemeinsames Abendessen mit dem Großteil der Läufer und dem Organisationstalent Mark. Die Zusammenkunft ist ein Träumchen. Man fühlt sich gleich wohl. Es ist, wie unter Sportlern, aber auch Veganern so typisch, einfach unformal und zwanglos. Zur Not müssen halt zwei bis sieben Tische angebaut werden. So what. Einige Gesichter kennt man bereits aus sozialen Netzwerken. Man schüttelt Hände und trifft auch auf seine direkten Mitläufer. Mit Kristof und Thomas aus Österreich besprechen wir erste Details zu unserem Lauf und händigen unsere Planungen aus. Mark macht einen entspannten und freundlichen Eindruck. Er mag zwar das Gesicht der Aktion sein. Aber man merkt schnell, dass er das nicht für sich macht. Wir laufen für einen guten Zweck. Mark auch. Er wird sich sportlich den Arsch genau so aufreißen, wie wir. Organisatorisch macht er das schon seit vielen Monaten. Umso dankbarer ist er in seiner kleinen Rede, die sich spontan aus einem Q+A ergibt.
Chris und ich klinken uns kurz vor Ladenschluss aus und hechten los, um noch etwas Obst für die Nacht und den Morgen einzukaufen. Der Abend endet mit müden Beinen und voller Vorfreude.


Im Max Pett



17.05.2013 

Ein paar Läufer (Daniel und Katrin von beVegt, Thomas und Iris aus Österreich und Thomas, ein Ultraexperte) treffen sich für einen gemütlichen 10er im Englischen Garten. Chris und ich schlagen das Angebot vorwiegend aus Rücksicht auf mich aus, da ich noch nicht wieder ganz im Training bin. Wir entscheiden uns für einen kleinen Lauf auf einem Teil unserer morgigen Strecke. Es werden dann doch 6km. Wir zählen erstaunlich viele Ampeln.
Ein kleiner Großeinkauf und ein Frühstück später sitzen wir zur Stadtrundfahrt im Doppeldeckerbus. Es ist Mittag und die erste Gruppe ist gestartet. Wir verfolgen die Facebook-Updates von Mark via laufengegenleiden. Am Marienplatz steigen wir aus. Wir wollen uns diese und andere kritischen Stellen vorab ansehen und stellen fest, dass nach den vielen Ampeln auch noch viele Menschen kommen werden. Immerhin kennen wir jetzt den Weg im Chaos. Ein nächster Bus bringt uns zum Olympiapark. Die kleine Fotosession auf dem Olympiaturm bringt trotz Wolken Spaß. Wir sitzen im Bus zurück und freuen uns über die erste Staffel, die ihr Ziel erreicht hat. Am Hauptbahnhof hatte ich Mittags schon einen Asia-Laden entdeckt. Dort holen wir uns unsere Belohnung für Samstag Abend. Natürlich Durian. In der Wohnung angekommen gibt es die nächste Ladung Carbs. Als Abendprogramm gibt es Yoga für uns beide. Wir kommen entgegen der Planung erst spät zur Ruh'. Während wir schlafen gehen, ist Staffel zwei kurz vor ihrem Ziel. Mein Handy bleibt in dieser Nacht auf laut. Für Notfälle.


18.05.2013

Ich werde aus dem leichten Schlaf gerissen. Es ist 4:46 Uhr. Mark hat gesimst. Schläft der denn nie? Die Staffeln verschieben sich alle um eine Stunde nach hinten. Ich korrigiere meinen Wecker und informiere Chris, den der Lärm auch nicht kalt gelassen hat. Dreieinhalb Stunden später werde ich wieder wach. Diesmal geplant. Ich rufe Mark an und informiere ihn wie versprochen nochmal darüber, dass wir direkt zum Start kommen. Wir können uns sogar noch 10 Min. mehr Zeit lassen, sagt er. Er klingt fit. Ich glaube, er hat ein Kaffee-Problem. Chris und ich gehen den Morgen entspannt an, trinken und essen fleißig. Die Handgriffe sitzen mittlerweile. Wir teilen uns die Essenszubereitung und ticken wie ein Uhrwerk. Umziehen und Rucksäcke packen. Am Ende doch noch etwas Hektik. Ich habe bei aller Gelassenheit meine Kontaktlinsen noch nicht am Auge. Wir fahren zwei U-Bahn-Stationen, gehen noch einige Minuten zu Fuß und sind pünktlich, aber als Letzte am Übergabepunkt. Eine Staffel hat sich Nachts verlaufen. Deswegen wohl delay. Mark versichert mir, die Kosten für's Wildpinkeln zu übernehmen. Ich nutze die Wartezeit gleich zweifach, um sein Versprechen zu prüfen. Es bleibt ohne Konsequenzen. Chris und ich besprechen mit Kristof und Thomas unsere Laufplanung. Erst überlegen wir, flott zu laufen um später Spielraum zu haben. Wir verwerfen den Plan wieder, weil wir uns der vielen Ampeln und vollen Innenstadt bewusst werden. Wir einigen uns auf negative Splits. Am Anfang einen gemütlichen fünfer Schnitt, ab km 10 schneller werdend. Sollte passen. Noch schnell ein paar Fotos für die Galerie und FB. Dann erscheint auch schon Staffel vier in Sichtweite. Wir klatschen sie in ihr Ziel, schütteln Hände und freuen uns - für ihre Ankunft und auf unseren Lauf. Es ist 11:13 Uhr und wir starten.

Kristof, Thomas, ich, Chris (vlnr.) kurz vorm Start
km 0 - 10

Wir haben uns die Aufgaben am Donnerstag bereits eingeteilt. Jeweils einer ist zuständig für Navigation und einer für Pace. Kristof übernimmt die erste Navi, ich die Pace. Die Richtung ist für alle klar und wir lassen laufen. Die Beine sind frisch und die Aufregung lässt nach. Langsam finden wir einen Rhythmus und laufen in Zweiergruppen nebeneinander. Mehr geht auf dem Bürgersteig auch nicht. Wir reden viel, da wir uns noch nicht großartig kennen. Es geht ums Laufen. An Ampeln gewöhnen wir uns schnell ein System an. Wenn sicher frei, dann rüber. Unser Erziehungsauftrag ist heute ein anderer. Noch bevor wir die richtig kritische Zone erreichen, merke ich, dass die negativen Splits eine schöne Idee waren. Aber mehr auch nicht. Wir laufen die ersten fünf, sechs km bereits zu schnell. Kristof hat sich seinen Navi-Abschnitt gut angeguckt. Wir folgen seinem Plan und laufen auf den ersten vollen Bürgersteigen einfach auf den Schienen der Tram. Immer mit drei Augen nach hinten. Kurz vorm Stachus/Karlsplatz fängt unser Parkour an. Wir springen über ein Geländer von den Schienen auf den Fußweg und laufen durch die U-Bahn-Unterführung um keine Zeit an den Ampeln zu verlieren. Mittlerweile bin ich vorne. Es ist dunkel. Achja, die Sonnenbrille. Einige Passanten in der Unterführung erschrecken und geben Geräusche von sich. Ein kleiner Vorgeschmack auf den kommenden Slalom. Als ich die Treppen hochhechte habe ich noch überhaupt keine Ahnung, was nun auf mich zukommen sollte. Keiner von uns hat das geahnt. Die nachfolgenden Ausführungen dauerten in Echtzeit nur wenige Minuten. Es sollten die unglaublichsten meiner bisherigen Laufkarriere werden.
Wir sind jetzt auf dem Karlsplatz. Ich weiterhin vorne. Die Anderen haben sich hinter mir eingereiht, vermute ich, denn ich versuche einfach nur, auszuweichen. Es ist voll, ich will uns so schnell und sauber wie möglich hier durchbringen. Am besten noch in Sichtweite zu den Ständen von Peta, Lifefood, Sea Sheperd, etc. Ich sehe schon Stände, aber nicht die gewünschten. Dafür erblicke ich nach wenigen Metern Thomas Vosen mit einer Knipse in der Hand. Er läuft nun neben mir her und hält drauf. Wir sind schnell, fallen auf. Links wieder Stände. Die Richtigen. Aber es ist so verdammt voll und wir nur am ausweichen. Ich erspähe trotzdem Mark und seine Kamera uns. Das Adrenalin steigt seit einigen Sekunden enorm an. Nicht viele Meter weiter, Iris huscht durch mein Blickfeld. Sie hatte während des Wartens auf uns eine Idee. Und auf einmal pfeift sie los. Oder war es jemand anderes? Ich sehe Daniel. Er gestikuliert, pfeift, ruft, schreit. Nun läuft er neben mir her. Er hat eine Trillerpfeife dabei. Es klingt wie auf einer Demo. ER klingt wie eine Demo. Das Frankfurter Sprachrohr, der vegane Marktschreier vom Dienst - fällt mir später zu ihm ein. Im Wechsel pfeift er und haut Sprüche raus, die durch die ganze Einkaufsmeile hallen "Macht Platz! Vegane Läufer! Die 1. Vegane Ultramarathonstaffel B12! 440 km von Lindau bis Philipsreut nonstop! Ausschließlich vegane Läufer! laufengegenleiden! Kein Mensch braucht Fleisch!" Zwischendurch immer die Trillerpfeife auf volle Lautstärke. Manchmal trennen wir uns, um Passanten zu umkurven, die den Lärm nur lethargisch wahrnehmen. Andere, einige sogar, machen Platz. Mitunter läuft er vor mir. Pacen war doch mein Job. Und er soll heute Nacht noch 50km laufen. Ist ihm egal. Er gibt Gas, wir auch. Zwischenzeitlich sind wir auf Sprintniveau. Von oben müssen wir wie eine Schlange ausgesehen haben. Daniel ist der Kopf, deren zischende Zunge uns Platz verschafft. Wir sind der Körper, der sich hinterher schlängelt. Am Ende des Marienplatzes halten wir ein paar Sekunden inne. Iris war auch mitgelaufen. High Fives mit Daniel und ihr und ein fettes Grinsen auf allen Gesichtern. 750 Meter pures Adrenalin. Heute hält uns keiner mehr auf.
Wir schrauben einen Gang zurück und finden wieder einen Rhythmus. Sind aber immernoch geflashed von der Aktion. Auf der Maximilianstraße ist auch noch viel los. Aber gehobener. Chris und ich kennen die Straße von der Stadtrundfahrt. Wir witzeln über die High Society und mir rutscht ein lautes "Konsum macht nicht glücklich" raus. Rote Ampeln übersehen wir bei jeder Gelegenheit. Aber nicht nur wir übersehen. Kurz vor dem Bayrischen Landtag ist ein Autofahrer unachtsam. Ich hoffe, nicht unseretwegen. Ein Fahrradfahrer mit Vorfahrt muss ihm ausweichen und stürzt dabei. Wir beraten uns beim Laufen kurz. Ich versuche gedanklich, die Situation einzuordnen. Meine Rettungsdecke braucht er nicht. Er hat bereits 10 helfende Hände um sich und scheint bewegungsfähig. Wir laufen ungebremst weiter.
Kurz vorm ersten Versorgungspunkt kniet ein Kerl im Gras und hat ne Knipse vorm Gesicht. Presse? Achne! Ich und mein Gedächtnis. Es ist natürlich Tobi von Sea Sheperd, der u.a. den Versorgungswagen fährt. Am Start hatte ich ihn gebeten, sich meiner Kamera anzunehmen. Er macht einen guten Job.
Wir halten nur kurz für zwei drei Bissen, Trinkrucksack auffüllen und zwei Fotos. Der Blick auf die Uhr verrät, dass wir nur 49-nochwas gebraucht haben. Not bad.

Wie am Schürchen durch die Innenstadt
km 10 - 20

Es geht fix weiter. Christopher paced, ich navigiere ab hier. Alles halb so wild. Wir haben uns die Strecke mehrmals bei Streetview, Earth und Maps angesehen und haarklein aufgeschrieben. Einzig Christophers Pace sorgt mich. Er ist verdammt schnell da vorne, läuft mit uns 4:30er und so, will die Pause aufholen. Ehrgeizig, aber noch geht's ja. Nicht unweit, also quasi auf der Strecke, vom ersten Versorgungspunkt wohnt Mark. Wer hier an Zufälle glaubt... Er wollte mit einem Kaffee auf seinem Balkon auf uns warten und mal winken. Wir lassen ihm mit unserem Tempo keine Chance, sich an uns zu ergötzen. Er ist noch nicht zu Hause. Dafür kommt uns wenig später eine Frau mit Kinderwagen entgegen. Sie scheint unsere Message auf den Shirts gelesen zu haben und ruft "GO VEGAN!". Wir sind überrascht und im vorbeilaufen gröhlt es aus vier Kehlen zurück "GO VEGAN!". Später im Ziel erfahren wir, dass sie unsere Message bereits kannte. Kein Wunder, wenn man den verrückten Organisator zum Mann hat.
Es ist noch früh, die Strecke einfach, und so laufen wir weiter Schnitte um 4:40. Kurz vor dem zweiten Versorgungspunkt erreicht mich eine Whatsapp á la "wie weit noch?". Ich antworte knackig "30 km". Fühlt sich ziemlich verrückt an. Tobi wartet wieder mit der Kamera im Anschlag und filmt erneut. Wir rasten etwas länger. Ich probiere einen leckeren lifebar mit viel Schoko. Scheiß Idee.


km 20 - 30

Ich bin froh, dass ich meine beiden Jobs (Pace und Navigation) bereits hinter mir habe. Mir war vorher klar, dass ich mich spätestens ab der Hälfte mit mir selbst beschäftigen muss. Christopher übernimmt die Navi, Kristof die Pace. HM-Distanz ist geschafft, und ich merke bereits, dass mein Plan richtig war.  Wie bereits beim Hamburg-Marathon und in den beiden 30ern danach, macht sich das fehlende Training bemerkbar. Wir laufen bergab, die Jungs lassen einfach rollen. Ich muss mit. Mein Magen hat den Schoko-Bar nicht so gut vertragen. Auch die fehlende Ausdauer ärgert mich. Auf Nachfragen hin beteure ich, dass alles gut sei. Die Pace ist nach wie vor ganz ordentlich. Ich beschäftige mich mehr mit meiner Durchhalteparole ("easy, light and smooth"), denn mit der Umgebung. So verliere ich kurz den Überblick, erspähe wenig später dafür aber einen fiesen Anstieg. Die Jungs biegen vor mir einfach links ab und ich freue mich riesig, zeige dem Anstieg gedanklich meinen Mittelfinger. Nur um dann zu realisieren, wo wir sind. Versorgungspunkt drei. Der Wagen steht zwischen den Feldern, die wir gleich passieren werden. Mitsamt Anstieg.
Dafür haben sich zwei Bauern mit einem Trecker eingefunden. Sie erkundigen sich fleißig nach dem Grund unseres Auftauchens und sind auch sehr an dem veganen Futter von lifefood interessiert. Artig wird ihnen die Staffel und der Veganismus erklärt. Es wird sogar gelacht. Mir ist nicht so nach Witzeln. Ich setze mich an den Wagen und genieße selbstgemachtes Dateorade (Datteln, Bananen, Sellerie) und ein paar Brezeln. Das und die Pause pusht etwas. Ich gucke zwar nicht mehr so auf die Uhr, aber auch dieser Abschnitt ging zackig über die Bühne. Die Pause ist ausgiebiger.


km 30 - 40

Wir traben nur langsam los. Vor uns ein steiles Stück. Ich versuche mich zum ersten Mal in einer Technik, deren Name mir nicht einfällt. Dabei stütze ich die Hände auf die Knie und helfe meinen Beinen, den Anstieg zu bezwingen. Mir ist nicht nach Laufen. Die Anderen scheinen noch topfit.
Zwei Abzweigungen später geht's schon wieder leicht bergab. Es ist ländlicher, wir atmen frischen Gülleduft. Thomas navigiert. Paced er auch? War schon im vorigen Abschnitt nicht mehr ganz sicher. Ich bin ja durch. Beim rumspielen am Garmin fällt mir die Karte auf, die er anzeigt. Geile Nummer. Mittlerweile laufen wir auf einem matschigen Weg zwischen Feldern. Chris rutscht ein paar mal weg. Ich mache mir kurzfristig Sorgen. Vollkommen umsonst. Dafür bekomme ich meine Füße nicht mehr so optimal hoch und schieße von nun an in regelmäßigen Abständen mit Steinen gegen die Füße aller anderen. Hat auch Vorteile, hinten zu laufen. Irgendwann fragt Chris mich mal wieder, ob alles ok sei. Hab keine Lust mehr auf nicken und sage, dass mich seit km 25 Blasen nerven und es schmerzt. Er empfiehlt mir, Fünfe mal gerade sein zu lassen. Ich wechsel von Vorder- auf Mittelfuß und bin ihm unendlich dankbar für die Erlösung. Mein Gehirn denkt heute für keinen mehr mit. Weil es nach wie vor zäh ist, machen wir etwas langsamer und laufen irgendwas bei 5min/km. Mal drunter, mal drüber. Ich gucke nicht mehr auf die Pace, verliere mich lieber in die kleine Karte auf dem Display. Mein Kopf sinkt auch gerne nach vorne in dieser Phase. Ich beuge mich halbwegs aufrecht nach vorne und lasse die Schwerkraft einen Teil der Arbeit machen. Unterwegs ein Schild mit Werbung für ein Wasserbett. "Hier ich! Sofort! In so ein Bett!", denke ich. Aber die Jungs laufen natürlich weiter. Immerhin stecken sie mit der Pace etwas zurück. Thomas wirkt noch verdammt frisch. Er ist der fitteste Läufer dieser Staffel. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir den letzten Versorgungspunkt. Stehen reizt mich nicht, ich setze mich sofort auf den Boden und schüttel die Beine aus. Dateorade, Wasser, Brezeln, ein bekömmlicherer lifebar und über 'ne halbe Cola schütte ich rein. Ich hab die letzten 10km nichts gegessen. War mit beißen beschäftigt. Ich nutze die Pause und wechsel das Shirt. Relativ früh musste ich feststellen, dass die Trinkblase anscheinend undicht ist. Ich laufe schon seit Stunden mit nassem Rücken und nasser Hose rum. Ich pfeffer den Rucksack in den Versorgungswagen. Mit ihm streife ich anscheinend eine große Last ab. Mit dem neuen Shirt dafür wieder Motivation über. Ich will aber nicht auf Wasser verzichten. Also was in die Hand. Nur was? lifefood hat nur Wasser in Flaschen gestellt. Chi gibt es in Plastik. Mir tut es leid um den halben Liter Chi, der seinen Weg ins Grün findet. Dafür ist das Wasser umso köstlicher. Weiter geht's.


km 40 - 50

Ich fühle mich frischer. Der Schmerz wird nicht schlimmer, als er eh schon ist. Das Tempo würde ich alleine nicht laufen. Aber ich mache mit. Wir sind nun bei etwas langsamer als 5min/km angekommen. Die Navi ist denkbar einfach, das Tempo macht Thomas. Er navigiert uns auch geschickt in und um Situationen, wo mein Kopf zu stur für Alternativen wäre. Trotzdem geht es mir mit zunehmender Nähe zum Ziel besser. Chris hingegen ist geplagt von Krämpfen. Im Ziel wird er später erzählen, dass er schon am Start wusste, dass da was nicht stimmt. Verdammtes Yoga. Wir machen Gehpausen, die auch mir sehr recht sind. Mein Wasser teilen wir uns fair. Am Ende kommt ein schöner Anstieg, der sich über einige Kurven erstreckt. Wir laufen links auf der B12, Fußwege gibt es hier keine mehr. Ich freue mich auf das Ziel. Ein letzter Krampf von Chris erschrickt mich. Ich will nicht, dass er im Gegenverkehr rumhampelt. Wir ziehen das jetzt durch. Zur Not trage ich ihn. Bleibt ja in der Familie. Aber er kann weiter. Als wir die Fahne von LaufengegenLeiden entdecken ist die Freude groß, der Schmerz vergessen. Wir geben ein letztes Mal alles, überqueren sicher die Straße und sind nach 4:38 Stunden am Übergabepunkt. Essen, Trinken, Essen, Fotos und ab ins Shuttle. Wir schweigen viel. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Und stolz.

Der hart erkämpfte Biss auf die gläserne Trophäe
Den Nachmittag und Abend verbringen wir vor den Handys und meinem Macbook, um zu sehen, wie es den Anderen ergeht. Wir essen und trinken viel. Geschlafen wird viel zu spät. Es laufen ja immer noch verrückte Leute.


19.05.2013

Rückreise. Den Beinen geht es gut. Nur der Sonnenbrand schmerzt. Wir verbringen die Zeit in der Bahn hauptsächlich mit dem Blick aufs Display, weil wir noch voll im Fieber der Staffel sind. Es ist unglaublich. Über zwei volle Tage läuft diese Staffel. Wir sind und waren ein Teil davon. Zu dem Stolz hat sich mittlerweile eine kräftige Portion Dankbarkeit gesellt. Wir freuen uns mit jeder Staffel, die ins Ziel kommt und können das Finale kaum abwarten. Wir sind beide schon wieder im Norden, als Mark mit seinen Läufern dieses einmalige Event abschließt. Obwohl ich über 600km vom Ziel entfernt bin, muss ich vor Freude jubeln. Gänsehaut. Stolz, und nochmal Dankbarkeit. Die 1. Vegane Ultramarathonstaffel ist zu Ende. Es fühlt sich ein wenig wie Fernweh an.



Verdammt, dieser Bericht ist zu ausführlich, denke ich nun. Aber ich will keine Emotion missen, wenn ich wieder drüber lese. Und ich teile diese auch gerne. Alles durchlebte war wirklich einmalig. Für mich jedenfalls. Bei allem, was mir diese Veranstaltung persönlich gebracht hat, darf und will ich aber die Botschaft und den Zweck nicht vergessen. Veganismus hat mich an diesen Punkt gebracht. Empathie für jedes Lebewesen, vor allem für die, die keine Stimme haben.
An diesem Wochenende haben 32 Läufer bewiesen, dass sie Leistung bringen, gerade weil sie ihre Empathie und ihr Mitgefühl zu 100% Leben und sich jeden Tag dafür einsetzen, diese Welt ein klein wenig friedlicher zu machen. Sie haben geleistet und mit Sicherheit auch gelitten, um der Welt zu zeigen, dass jedes Wesen ein uneingeschränktes Recht auf Leben hat. Und was tust du?



PS: Ein paar Danksagungen müssen noch sein.
Iris, die Idee mit der Trillerpfeife kam von Dir. Das war spitze. Sei weiterhin so kreativ!
Daniel, jede Idee braucht einen Verrückten, der sie umsetzt. Deine Interpretation der Idee war wahnsinnig! Wahnsinnig gut. Ohne Dich würden wir wohl immer noch zwischen Stachus und Marienplatz stecken.
Kristof und Thomas, mit euch beiden laufe ich jederzeit wieder solch' verrückte Sachen. Auf euch war die ganze Zeit Verlass.
Mark, ich ziehe meinen Hut vor deiner Leistung. Monatelang organisierst du ein Event der Spitzenklasse, schläfst dann kaum und rockst dann noch 50km. Ich hoffe, dass du mit Deiner positiven Energie noch viele andere Menschen erreichst und für gute Zwecke bewegst.
Chris, so einen Cousin wie Dich muss man erstmal haben. Du hast mich inspiriert in Sachen Veganismus und Laufen. Dank Dir ist aus mir innerhalb der letzten 18 Monate ein besserer Mensch geworden.
Danke!


Edit: Fotos hinzugefügt

Kommentare:

  1. Sänk ju vor träwelling wis deutsche Bahn :-)

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  2. Danke Hauke!

    @Chris: Ich sag nur "unite" und "ich korrigiere" :D

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  3. wow wow wow, danke für diesen großartigen bericht!!!

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    1. Danke für dein Kompliment :)
      Bist du beim nächsten Event dabei?

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  4. Jetzt habt ihr Vitamin B12 getankt. Toller Bericht. Motivierend.

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